Dr. Jonida Xhyra-Entorf: Übersetzen, Dolmetschen und Sprachunterricht

Rezension


J. Xhyra-Entorf: Soziokulturelle Aspekte bei Martin Camajs Prosawortschatz

Rezensent: Michael Schmidt-Neke, Kiel

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung durch die Südosteuropa-Gesellschaft, München

2003 wurde mit Markus W.E. Peters ,,Geschichte der Katholischen Kirche in Albanien 1919-1993" die wichtigste albanologische Publikationsreihe in Deutschland wieder belebt: die von dem früheren Münchner Südosteuropa-Historiker Peter Bartl herausgegebenen ,,Albanischen Forschungen“. Jetzt folgte Jonida Xhyra-Entorfs, von der Friedrich-Ebert-Stiftung geförderte, Dissertation, die sich mit einem der sprachlich sowie inhaltlich schwierigsten albanischen Autoren auseinandersetzt, und das auf hoher Abstraktionsebene.

 

Martin Camaj (1925-1992), lange Zeit Inhaber der Albanisch-Professur in München, hat Lehrbücher und sprachwissenschaftliche Studien - besonders zur Dialektologie der Diaspora - verfasst, war aber auch literarisch äußerst produktiv. Viele seiner Werke erschienen im Eigenverlag. Als Emigrant waren seine Werke im Kommunismus selbstredend verboten und mussten von den Albanern nach 1990 erst mühsam entdeckt werden. Die Autorin gibt eine vollständige Bibliographie Camajs einschließlich einiger unveröffentlichter Schriften. - Das erste Kapitel beginnt mit einer biographischen Skizze, gibt einen Überblick über sein literarisches und wissenschaftliches Schaffen, über Camajs Stellung in der albanischen Literatur, über seine Haltung zur vereinheitlichten Literatursprache und endet mit dem Stand der Forschung über ihn. Dieses Kapitel ist die bei weitem ausführlichste Synthese über den Autor und kann jedem nur wärmstens empfohlen werden, der sich über Camaj informieren will - selbst wenn er sich nicht in Semantik und Semasiologie vertiefen möchte.

 

Camaj war nach Herkunft und Identität Malësore (Hochländer); er kannte Nordalbanien, Kosovo und die italienische Diaspora sowie die Emigrantenszene wie kaum ein anderer Albaner aus eigenem Erleben. Besonders Seine Herkunft aus der Malësia, dem nordalbanischen Bergland, prägte seine Sprache, aber er bereicherte Sie durch Motive aus anderen Bereichen der albanischen Sprache. Er Setzte sich für eine literarische Pluralität der Sprachvarianten ein und stellte Seine Werke nicht auf die 1972 vereinheitlichte Literatursprache um, war allerdings auch kein Prediger ihrer Abschaffung.

 

Xhyra-Entorf befasst sich mit Camajs Prosawerken, von denen bisher nichts ins Deutsche übersetzt wurde. Sie geht vom Begriff der Isotopie im Verständnis von Umberto Eco, Algirdas Greimas und Francois Rastier aus; gemeint ist das ,,wiederholte Vorkommen von Semen in unterschiedlichen Semantischen Einheiten des Textes“. Unter einem ,,Sem" ist ,,die Minimaleinheit zur Differenzierung von Bedeutungen" zu verstehen. Die Anwendung und damit Terminologiebildung zur semiologischen Theorie ist für das Albanische bereits durch die Arbeiten von Jani Thomai (besonders ,,Prejardhja Semantike në gjuhën shqipe", Tirana 1989) erfolgt. Xhyra-Entorf konkretisiert die theoretischen Grundlagen ihrer Arbeit. Zunächst untersucht sie die Begriffe für die Ebene - fushe, die nicht naher zu konkretisieren ist, und vielgestaltigen Berglandschaften (maje - Gipfel, kunorë - Bergkranz, kreshtë - Bergkamm, shpat — Abhang, brijë - Flanke, thikë - Steilhang, faqe und anë - Hang, qafë - Pass, grykëe - Schlucht, luginë und lug - (kleines) Flusstal, gurrë - Quelle, Tal, Abgrund, rranzë - Fuß des Berges, kodër, kodrinë und suk - (kleiner) Hügel, Anhöhe. Es folgt eine Analyse des Begriffes mal - Berg als Ausgangspunkt, Reiseraum und Zielpunkt, zu denen Camaj eine Vielfalt der Verben der Fortbewegung gebraucht. Im wirtschaftlichen, aber auch im historischen Bereich geht es um die Begriffe bjeshkë und vërri - Sommer- bzw. Winterweide, die auch Objekt des Eroberns (z.B. durch die Türken) bzw. des Nicht-Eroberns sein können. Den Begriffen des Berges und der Ebene sind im kulturellen, mythologischen Themenbereich Ungeheuer wie der katallan - Menschen fressender Riese, kulshëder - Drache, drangue - Drachentöter sowie gjarpën - Schlange zugeordnet. Daneben stehen Begriffe wie kreshnik - Held, Ritter, Orë und Zanë - Bergfee.

 

Die Autorin sieht - nicht Überraschend – in dem Lexem mal - Berg den zentralen Begriff in Camajs Werk, das von dem Verhältnis zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos dominiert wird. Die albanische Welt als Makrokosmos wird durch die Spannung zwischen mal - Berg und fushë - Ebene (die nur als Antonym zu Berg vorkommt) bestimmt, der malësorische Mikrokosmos durch den zwischen bjeshkë - Sommerweide und vërri - Winterweide. Dieser Mikrokosmos wird belebt durch das historische und wirtschaftliche Handeln seiner Menschen und ihre Auseinandersetzung mit den Naturgeistern und Dämonen.

 

Zumindest der erste Teil dieser Dissertation ist das Beste und Ausführlichste, was der deutsche, aber auch der albanische Leser zurzeit über Camaj lesen kann. Der zweite und dritte Teil ist ein wegweisender Beitrag zur Dechiffrierung des Autors. Xhyra-Entorf stellt Camaj nicht auf ein Podest, sie entzieht ihn nicht der Debatte. Sie ermöglicht sie erst. Dafür ist ihr und den Herausgebern der Reihe zu danken. Es bleibt zu hoffen, dass Camajs Werk kongeniale Übersetzer findet.


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